Diese Seite wurde zuletzt am 11.12.2011 geändert
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Joshua
Joshuas Weg - warum er vom Kindergarten in die Schule vor Ort in Dossenheim führt

Eltern, die sich in der Elterninitiative engagieren, sind manchmal noch mitten drin in den Überlegungen, welcher Weg für ihr Kind der richtige ist. Joshuas Eltern aus Dossenheim haben darüber auch viel nachgedacht und sind für sich, ihre Familie und vor allem für ihren Sohn zu einem klaren Ergebnis gelangt. Hier ihre Überlegungen, die darin münden, für Joshuas Einschulung 2013/14 Mitstreiter vor Ort zu suchen:


Liebe Freunde,

das Thema "Inklusion" behinderter Menschen, behinderter Kinder, in Kindergarten, Schule, Beruf, Alltag, und Freizeit ist immer mehr in aller Munde. Was bedeutet das? Wen betrifft das? Wenn man innerhalb des engeren Freundeskreises oder der Familie nicht von Behinderung betroffen oder bedroht ist, wenn man selbst kein "(verhaltens-) auffälliges" Kind hat, dann beschäftigt man sich in der Regel auch nicht mit der Materie, das ist ganz normal und auch verständlich. Bevor unser Joshua geboren wurde, habe ich behinderte Menschen selbst kaum wahrgenommen. Einfach eine andere Welt und - sie agieren ja meistens auch irgendwie "gesondert" - in Schulkindergärten, in Sonderschulen, in Behindertenwerkstätten, in Wohnheimen .... Berührung gab es -gibt es - immer noch- kaum. Mir kam das früher auch immer irgendwie richtig vor - schließlich brauchen behinderte Menschen ja eine besondere Förderung, besondere Rücksichtsnahme, besondere Bereiche .... oder etwa nicht? Ist es dann nicht logisch, ihnen auch besondere Räume zu schaffen, wo sie nicht gestört werden, wo sie in Ruhe ihre eigenen Schritte gehen können?

Dann wurde Joshua geboren und mit ihm wurden wir alle in diese "besondere, gesonderte" Welt hinein geworfen. In eine Welt voller Angst und voller faszinierender neuer Erfahrungen. In eine Welt, in der man sich an den kleinen Schritten orientiert und sich an Widersprüchen reibt. In eine Welt, voller Diagnosen, Prognosen, Arztbesuchen, Fehlinterpretationen, Tests und Einordnung in Kategorien. In eine Welt voller Anträge, Kostenfaktoren, Hilfsmittelbudgets und Ablehnung. In eine Welt, die oft so arg schwankt zwischen großem Glück und tiefer Verzweiflung, dass einem eigentlich permanent schwindelig ist, bevor das alles irgendwann irgendwie zur Realität wird, weil man anfängt, zu begreifen. Und plötzlich zog sich in mir alles zusammen, bei dem Gedanken, Joshua "aussondern" zu müssen. Mein Sohn, das Kind, das ich geboren habe, das wir alle lieben, das zu uns gehört. Keine Belastung, kein "Päckchen", das wir tragen müssen. Ein kleiner Mensch mit ganz viel Individualität und Stärken, die erkannt, gefördert und gewürdigt werden wollen. So, wie bei jedem anderen Menschen auch. Plötzlich waren es wir, nicht irgendwelche anderen. Plötzlich waren wir mittendrin und alles war so fremd, so anders als ich es gewohnt war. Kein Babyschwimmen, aber Vojta -Krankengymnastik. Kein PEKIP, aber einmal die Woche Kinderklinik zur Blutentnahme. Kein MuKi Turnen, weil Joshua nicht laufen, nicht klettern, nicht genug sehen konnte, aber ganz viel Angst - und ganz viel allein sein. Wo gehören wir hin? Gehören wir nicht alle zusammen? Braucht Joshua gesonderte Bereiche? Wenn ich ihn aber immer gesondert behandele, ihn in Watte packe, wie lernt er denn dann, in der "normalen" Welt klar zu kommen? Niemals? Heißt das dann, dass er gar nicht an unserem "normalen" Familienleben teilhaben kann? Oder können wir dann nicht mehr an den "normalen" Aktivitäten teilnehmen? Was wird dann aus meiner Tochter, die ja ganz "normal" und "gesund" ist?

Und plötzlich begann ich mich zu fragen, wer die besonderen Bereiche braucht, wer nicht gestört werden möchte, wer in Ruhe seine Schritte gehen will. Seit 2 Jahren geht Joshua zu unser aller Glück in einen Dossenheimer Regelkindergarten. Er bekommt die Unterstützung, die er braucht, um dort zurecht zu kommen. Er fühlt sich wohl dort, weil ihn alle annehmen, so wie er ist. Er mag die anderen Kinder, auch wenn er im Moment den Kontakt nicht sucht oder richtig aufbauen kann, da ihm der Bewegungsdrang und die entsprechenden Spielmöglichkeiten aufgrund seiner Behinderung zur Zeit fehlen. Aber er gehört mit all seinerAndersartigkeit dazu, er hat gelernt, schwierige Situationen zu meistern. Sein Umfeld ist nicht barrierefrei, darum hat er gelernt, achtsam zu sein. Sein Umfeld ist nicht darauf ausgelegt, ihm alle Wege im Vorfeld zu ebnen, darum hat er gelernt, um Hilfe zu bitten. Sein Umfeld macht ihm die Wahrnehmung manchmal nicht leicht, darum hat er gelernt, auch laute Geräusche auszuhalten oder sich eine Auszeit zu nehmen. Und sei es auch, indem er sich wegdreht und weint. Er lernt es, in einer Gruppe zu sein, Rücksicht zu nehmen und Rücksicht zu genießen, Kompromisse einzugehen. Dies alles braucht er, um sich im Straßenverkehr zu bewegen, um auf Spielplätze zu gehen, um zu verstehen, dass sich nicht immer alles nur nach ihm richten kann, um diese "normale und sehende Welt" zu begreifen und leben zu können. Und wir sind überzeugt davon, dass er dies alles in einer Sondereinrichtung so nicht erfahren hätte! Ich möchte nicht alles schönfärben. Der Weg ist nicht immer sonnig und wir alle mussten lernen, mit Ängsten und Enttäuschungen umzugehen. Joshua ist und bleibt stark eingeschränkt, er lernt, viele Dinge auszuhalten und wir lernen, in kleinen Schritten zu denken und Grenzen zu akzeptieren. Weg von der Orientierung und Bewertung der Schwächen, hin zu den Stärken und den Blick auf die Erfolge gerichtet. So ist Joshua. Sein Weg ist sein Ziel. Manchmal ist sein Weg unser Aller Ziel. Im Grunde aber ist es nichts anderes als zu begreifen, dass nichts unmöglich ist, dass man nicht immer alles haben kann, dass es Unterschiede gibt, dass Gesundheit kein Privileg ist, welches die besonders Braven erhalten. Im Grunde ist es nichts anderes als gelebte Akzeptanz und Zivilcourage und die Umsetzung von Gleichberechtigung. Ich denke, dass es wichtig und richtig ist, behinderten Menschen die Förderung und Rücksichtnahme zu gewährleisten, die ihnen zusteht. Auch Schonräume sind manchmal von Nöten, wir merken das selbst an unserem Sohn, der eine eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit hat und hierdurch schneller überfordert bzw. erschöpft ist. Und es ist wichtig, hierfür ausgebildetes Fachpersonal zu haben, Menschen, die es sich zur Aufgeben gemacht haben, sich für die Belange beeinträchtigter Personen einzusetzen, ihnen beizustehen, sie zu stärken. Jedoch, muss dies in Form von "Ausgrenzung" passieren? Ist es nicht möglich, alle Menschen in unserer Gesellschaft "unter einen Hut" zu bekommen, indem man in der "normalen Welt" die Möglichkeiten schafft, die in Sondereinrichtungen so selbstverständlich sind? Anders herum gefragt: Warum das vorhandene Potential (z. B. Vorhandene Hilfsmittel, Sonderpädagogen, Fachpersonal ..) nicht nutzen und allen Menschen - auch den nicht-behinderten- zur Verfügung stellen?

Nun steht Joshuas Einschulung bevor. Ein spannendes und für uns auch beklemmendes Thema. Was müssen wir alles dafür tun, dass Joshua in unsere Wohnortschule gehen, gemeinsam mit seinen Kindergartenfreunden beschult werden kann? Wird es Kämpfe geben? Wird dies ein Weg voller Behördengänge, Widersprüche und Ablehnung, oder wird man uns wohlwollend und positiv begegnen? Werden wir uns den Fragen stellen können, die aus Unsicherheit und fehlenden Kenntnissen entstehen? Werden wir Lehrer finden, die den Mut und die Bereitschaft haben, neue Wege zu gehen? Allein die Tatsache dass wir - und mit uns so viele Eltern und Kinder - uns diese Fragen überhaupt stellen müssen, dass wir nicht einfach in unsere Wohnortschule gehen und unsere Kinder dort anmelden können - so wie die meisten anderen Mütter und Väter das tun - allein diese Tatsache ist diskriminierend, ist beklemmend, ist ungerecht. Joshua wächst zusammen mit seiner großen Schwester auf. Für sie ist er der klügste und tollste kleine Bruder, den es gibt. Joshuas Schwester ist mutig und schlau, die beiden geben sich so viel. Joshuas Behinderung ist für beide praktisch nicht vorhanden, wenn sie zusammen spielen, kuscheln, lesen. Was die größte Angst von Joshuas Schwester ist? Dass ihr Bruder keine Freunde findet, dass er ausgegrenzt wird, dass er nicht in unserer Nähe auf eine Schule gehen darf, dass er nicht mit uns zusammen sein kann. Was sagen wir Eltern zu diesen Ängsten? Wir sagen, dass wir das nicht zulassen werden. Dass wir einen Weg finden werden, immer. Wenn wir momentan mit unserem Sohn unterwegs sind, erleben wir ein Kind, das glücklich ist, sich geborgen fühlt und das sich auskennt in seinem Heimatort. Wir treffen andere Kinder und Eltern, die unseren Sohn aus dem Kindergarten kennen. Joshua ist ein Teil dieser Gemeinschaft. Und er ist stolz und voller Neugier und Freude dabei. Und wir wollen - wir werden dafür sorgen, dass es auch so bleibt. Um den gemeinsamen Unterricht in Dossenheim umsetzen zu können, muss neben der Bereitschaft der Schule und diversen anderen Dingen ein bestimmter Bedarf vorhanden sein. Das bedeutet, dass sich eine Gruppe von Kindern unterschiedlichster Behinderungen/Förderbedürfnissen/ Auffälligkeiten finden sollte, die dann gemeinsam mit nicht-behinderten Kindern in einer Klasse unterrichtet werden kann. Die Bereitschaft unserer "Wunsch-Schule" zum gemeinsamen Unterricht ist vorhanden. Im Moment sind wir bereits drei Dossenheimer Familien, deren Kinder mit unterschiedlichsten Behinderungen/Beeinträchtigungen, vermutlich im Jahr 2013 eingeschult werden sollen. Wir sind auf der Suche nach Eltern, die sich uns anschließen.

Wir sind auch jederzeit offen für Fragen. Melden Sie sich einfach per eMail bei: Doris Rohmann-Weniger, oder unter der Telefon-Nummer: 06221-169623. Oder kontaktieren Sie die Elterninitiative Rhein-Neckar "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" über die Kontakte. Wir freuen uns, Sie kennen zu lernen!