Diese Seite wurde zuletzt am 10.03.2011 geändert
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an Landrat
Dr. Brötel
Offener Brief an Landrat Dr. Brötel

Parallel zu den Aktivitäten des Modellschulamtes und den Inklusions-Werbetouren von Kultusministerin Schick formieren sich auch die Inklusionsgegner. Einige Zeitungsartikel dürfen aus unserer Sicht nicht unwidersprochen bleiben, so auch unten genannter. Auf unseren Offenen Brief haben wir übrigens inzwischen viele positive Reaktionen erhalten: "Er ist mir aus der Seele gsprochen", "der Artikel war wirklich skandalös", "vielen Dank für Ihr Engagement, Sie sprechen meiner Frau und mir aus dem Herzen", "war es ein schwerer Fehler des Landrats, sich so zu äußern" und vieles mehr.

OFFENER BRIEF

Sehr geehrter Herr Dr. Brötel,

ich beziehe mich auf Ihre Äußerungen in dem RNZ-Artikel "Stellt die Inklusion einen Rückschritt dar" (29./30.1.2011), in dem Sie mit folgendem Satz zitiert werden: "Die Inklusion bringt Entwicklungs- und Schwellenländern vielleicht einen Fortschritt. Für uns und andere Länder mit einem differenziert entwickelten Sonderschulsystem wäre ihre Umsetzung allerdings ein Rückschritt für Kinder mit Behinderungen. Das kann nicht gewollt sein." Ich gehe davon aus, dass diese Äußerungen von Ihnen stammen und autorisiert sind. Als Vorsitzende einer Elterninitiative, die sich seit über 20 Jahren für Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen einsetzt, und als Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom in einer allgemeinen Schule bin ich über diesen Satz entsetzt. Er ignoriert zum einen die Tatsache, dass die UN und die UNESCO keinesfalls irgendwelche "Schwellenländer", sondern die Bundesrepublik Deutschland für ihr separierendes Schulsystem, das gegen die UN-Konvention zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung verstößt, gerügt hat und weiterhin rügt. Zum anderen steht die Äußerung in eklatantem Widerspruch zu den Plänen der baden-württembergischen Kultusminsterin Marion Schick, Inklusion aktiv voranzutreiben und als eine Alternative zum Sonderschulsystem anzubieten. Ich finde es außerdem bedauerlich, wie undifferenziert und einseitig Sie sich zum Sprachrohr der Leiterin einer Schule für Sprachbehinderte machen, die doch ganz offensichtlich vor allem um den Fortbestand ihrer Einrichtung und ihres Postens fürchtet. Sonderpädagogen arbeiten in einer inklusiven Schule keinesfalls nur "punktuell", sondern mit all ihrer Fachkompetenz im Team der allgemeinen Schule, vielfach als kontinuerliche Zweitbesetzung - so strebt es das Schulamt Mannheim in inklusiven Klassen an -, und zwar in dem Umfeld, in dem die Kinder leben und ihre Freunde finden, mit denen sie dann sprechen und spielen. Fördern kann man nicht nur in einer Sondereinrichtung, vor dessen Toren es morgens, wie in dem Artikel beschrieben, zu einem täglichen Verkehrschaos kommt, weil die Kinder mit Bussen von weit her herbeigefahren werden. Das zeigen viele positive Inklusions-Beispiele aus unserem Schulamtsbereich, und ich erlebe das täglich bei meinem Sohn. Ich möchte Sie bitten, zur Kenntnis zu nehmen, dass es auch im Neckar-Odenwald-Kreis viele Eltern gibt, die für ihre Kinder einen Antrag auf gemeinsamen Unterricht gestellt haben. Als Landrat sollten Sie meiner Auffassung nach auch diese Eltern vertreten, anstatt sich einseitig zum Lobbyisten und Wahrer des Sonderschulsystems zu machen. Alle müssten beim Thema Inklusion umdenken und neu denken, hat Frau Schick bei einem Besuch in Mannheim und Heidelberg vor kurzem gesagt - im Prozess werde es "keine Zuschauer" geben. Dabei hat sie ganz sicher auch die Landkreise und ihre politisch Verantwortlichen gemeint. Gern stehen wir als Elterninitiative als Gesprächspartner über Inklusion und wie sie aus unserer Sicht auch im Neckar-Odenwald-Kreis gelingen kann, zur Verfügung.

Mit freundliche Grüßen
Kirsten Ehrhardt
Vorsitzende der Elternintiative Rhein-Neckar "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" e.V.