Diese Seite wurde zuletzt am 15.08.2010 geändert
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Podiumsdiskussion in Walldorf

Unter der Überschrift "Etiketten-Schwindel oder echte Chance?" berichtete die RNZ am 21.7. über eine Podiumsdiskussion bei der SPD Walldorf, an der auch Kirsten Ehrhardt von unserer Elterninitiative teilgenommen hat. Leider hat die Redaktion den Text von Herbert C. Ebeling so stark verkürzt, dass er missverständlich wurde und die Zeitung am nächsten Tag ein "Corrigenda" abgedruckt hat. Der Autor hat uns hier freundlicherweise seinen vollständigen Text zur Verfügung gestellt:

"Eine Schule für alle Walldorfer Kinder":
Diskussionsrunde der Arbeitsgemeinschaft für Bildung zum neuen Zauberwort "Inklusion"

Kirsten Ehrhardt hat seit Jahren einen Wünsch, sie möchte, dass ihr Sohn Henri nicht nur in Walldorf lebt, sondern hier auch zur Schule geht, mit Freunden spielt und wie ein ganz normaler Junge aufwächst. Eigentlich kein Problem, doch Henri (Down-Syndrom) muss in Schwetzingen in die Schule gehen. Dagegen wehrt sich Kirsten Ehrhardt und hat Mitstreiterinnen bei der Elterninitiative Rhein-Neckar "Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen" gefunden. Das Zauberwort heißt "Inklusion" und bedeutet gemeinsamen Unterricht für behinderte und nicht behinderte Kinder. Doch wie es damit konkret aussieht, erfuhren die Zuhörer auf der Veranstaltung "Eine Schule für Alle - Wie wir uns auf dem Weg machen können! (und das in Walldorf schon tun)" im Sickinger Hof.

Am 18.. Februar 2010 versprach der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau bereits zum zweiten Mal das Ende der Sonderschulpflicht für behinderte Kinder und verkündet ein "Wahlrecht" zwischen Sonderschule und Regelschule und zwar für das kommende Schuljahr 2010/11. Also kein Problem für Henri. Wenn da nicht das sogenannte Kleingedruckte wäre. Denn gewählt werden darf nur zwischen Vorschlägen, die eine sogenannte "Bildungswegekonferenz" vorlegt. Für die betroffenen Eltern "ein Wahlrecht unter Aufsicht, oder: die Fortdauer der Entmündigung". Dass Schulrat Daniel Hager-Mann von der Arbeitsstelle Kooperation beim Schulamt Mannheim das ganz anders sieht, ist verständlich. Schließlich vertritt er als Beamter das Kultusministerium und wurde zu der von Renate Schmidt (AfB = Arbeitsgemeinschaft für Bildung der SPD Rhein-Neckar/Heidelberg) moderierten Diskussion im "Sickinger Hof" auch in seiner Eigenschaft als Schulrat eingeladen. Schmidt geht kurz auf die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 ein, die seit 2009 auch für Deutschland verbindlich ist und einen Meilenstein in der Behindertenpolitik darstellt, indem sie den Menschenrechtsansatz einführt und das Recht auf Selbstbestimmung, Partizipation und umfassenden Diskriminierungsschutz für Menschen mit Behinderungen formuliert sowie eine barrierefreie und inklusive Gesellschaft fordert. Ausgehend vom Prinzip der Gleichberechtigung gewährleisten die Vertragsstaaten ein einbeziehendes Bildungssystem, wobei sie sicherstellen, dass Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund einer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Kinder mit einer Behinderung dürfen nicht vom Besuch einer Schule aufgrund ihrer Behinderung ausgeschlossen werden. Innerhalb des allgemeinen Bildungssystems sollen angemessene Vorkehrungen getroffen und die notwendige Unterstützung geleistet werden, um eine erfolgreiche Bildung zu erleichtern. Und dafür kämpft auch Elterninitiative Rhein-Neckar "Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen". Und dass dies ein Kampf ist, zeigt auch Kirsten Ehrhardt mit ihrem Erfahrungsbericht, wobei sie auch betont, dass sie als Juristin weitaus besser für diesen Kampf gerüstet sei als andere Eltern. "Nicht die Behinderung ist ein Problem", betont sie, "sondern das Drumherum". Ihr Henri sei aktiv, "er gehört in diesen Ort", und dazu gehören Kirche, Vereine und Schule. Die vom Kultusminister versprochene Inklusion sei auch im Rhein-Neckar-Kreis "Etiketten-Schwindel".

Für Schulrat Hager-Mann stellt sich alles wesentlich positiver da. Schließlich habe Kultusminister Rau versprochen, die Sonderschulpflicht in eine allgemeine Schulpflicht zu überführen. Es gebe seit Jahren sogenannte Außenklassen an Grundschulen, außerdem "schon Modelle an Hauptschulen, Werk-Realschulen, Realschulen und Gymnasien". Auf all diese Schulen könnten bisher auch "Geistigbehinderte gehen, wenn sie dem Bildungsgang folgen können" - jetzt sei es "Ziel, auch für Kinder die dem Bildungsgang nicht folgen können". Wie das konkret aussehen wird, ließ Hager-Mann allerdings offen. Schließlich "wird alles in den nächsten zwei Jahren erprobt" und zum Schuljahr Bereits am kommenden Schuljahr sollen Schulen, Schulämter, Jugendhilfe und Eltern Bildungswegekonferenzen gemeinsam über die besten Fördermöglichkeiten für Schüler mit sonderpädago-gischem Förderbedarf beraten. Das letzte Wort über die Schule - ob Sonder- oder allgemeinbildende Schule - sollen Väter und Mütter haben, sofern ihre Entscheidung dem Kindeswohl nicht entgegen-steht (offen bleibt, wer über dieses Kindeswohl entscheidet). Damit werde einer geplanten Änderung des Schulgesetzes vorgegriffen, mit der die Sonderschulpflicht für behinderte Kinder abgeschafft wird. Dies werde voraussichtlich zum Schuljahr 2013/2014 geschehen. Recht hat der Schulrat sicher, wenn er darauf hinweist, dass "nicht alle Eltern die Gesamtschule wollen" und ihre Kinder lieber weiterhin auf eine Förderschule schicken wollen. Es gehe vielmehr, so Hager-Mann, "um Vielfalt und Wahlmöglichkeiten".

Und für diese Wahlmöglichkeit hat Kirsten Ehrhardt lange gekämpft und zumindest einen Teilerfolg errungen. Ab kommenden Schuljahr wird an der Walldorfer Schiller-Grundschule, an der es seit 2006/2007 eine Außenklasse der Wieslocher Tom-Mutters-Schule gibt, eine Intensivkooperation ein-gerichtet, an der fünf Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen teilnehmen. Diese Maßnahme sei, so Schmidt, für die gesamte Grundschulzeit genehmigt, die sonderpädagogische Kompetenz sei mit 24 Wochenstunden veranschlagt. Und zwar, so Ehrhardt, mit zehn Stunden einer Lehrkraft für körperlich Behinderte und 15 Stunden für Geistigbehinderte. Trotz der Genugtuung, dass ihr Sohn Henri jetzt in Walldorf beschult wird, sei es nur ein Teilerfolg, denn offiziell gehöre Henri in die Comenius-Schule in Schwetzingen, die Eltern der fünf Gast-Schüler seien auch nur Gäste was die Elternvertretung betrifft und die Sonderschullehrer gehörten nicht dem Kollegium der Schillerschule an. Doch "für unsere Kinder ist es wichtig, dazuzugehören - und diese Intensivkooperation ist ein Toleranz-Test für die Gesellschaft".

(Herbert C. Ebeling)



Foto: Lattermann, v.l.n.r.: Renate Schmidt, Daniel Hager-Mann, Kirsten Ehrhardt und Dr. Andrea Schröder-Ritzrau (Stadträtin Walldorf, Stellv. Ortsvereinsvorsitzende, Mitglied AfB)