Diese Seite wurde zuletzt am 27.06.2010 geändert
Aktuell Aktuelle Berichte Leserbrief
Der Begriff "Inklusion" ist Etikettenschwindel!

"Ab Schuljahr 2010/11 gibt es Inklusion" stand am 24. Juni 2010 ganz groß in der RNZ: Kultusstaatssekretär Georg Wacker hatte ganz offensichtlich seinen Wahlkampf eröffnet und versuchte, mit solchen vollmundigen Ankündigungen zu punkten. Nicht als "Etikettenschwindel" befand Vorstandsfrau Kirsten Ehrhardt und schrieb diesen Leserbrief an die RNZ:

Leserbrief zum Artikel "Ab Schuljahr 2010/11 gibt es "Inklusion" (RNZ 24.6.2010)

Für mich - Mutter eines Sohnes mit geistiger Behinderung und seit langem in einer Elterninitiative aktiv - ist der Artikel blanker Hohn. Denn es gibt keinesfalls ab Schuljahr 2010/11 in Baden-Württemberg "Inklusion", geschweige denn einen Rechtsanspruch darauf. Das weiß ich aus eigener Erfahrung: Mein Sohn Henri mit Down-Syndrom kann ab September nach langen und zum Teil zähen Verhandlungen mit dem Schulamt in unserem Wohnort Walldorf in einem Kooperationsprojekt (einer sog. Intensivkooperation) die örtliche Grundschule besuchen. Dabei MUSS er aber Sonderschüler bleiben und wird einer Schule zugeordnet, an der er keine Schulstunde unterrichtet wird. "Richtig" zur Grundschule gehören darf er nicht!

Auch die Lehrerin, die ihn und andere Kinder sonderpädagogisch unterstützt und die übrigens so wenige Wochen vor den Sommerferien noch gar nicht benannt ist, bleibt Lehrerin einer Sonderschule. Und wir Eltern dürfen im Elternbeirat der Grundschule nicht mitstimmen. Kooperation wird von Herrn Wacker schlichtweg umgedeutet in "Inklusion", womit aber viel mehr gemeint ist, nämlich wirkliche und umfassende Zugehörigkeit und Teilhabe ohne diskriminierende Etikettierungen. Weiterhin haben in Baden-Württemberg z.B. geistig behinderte Kinder KEINEN gesetzlichen Anspruch auf Beschulung an einer Regelschule. Das bedeutet für uns Eltern, dass wir um jedes Kind, das gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet werden soll, kämpfen müssen. Wie hat Herr Wacker so schön gesagt: Das letzte Wort hat die Schulverwaltung. Uns Eltern bleibt dagegen weiterhin nur der Klageweg. Was wir brauchen, ist eine Schulgesetzänderung JETZT. Staatssekretär Georg Wacker hat übrigens in den vergangenen Monate alle Schreiben der Elterninitiative, die genau auf diese Problematik aufmerksam gemacht haben, schlichtweg unbeantwortet gelassen.

Kirsten Ehrhardt, Walldorf, Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom,
Vorstandsmitglied der Elterninitiative Rhein-Neckar "Gemeinsam leben, gemeinsam lernen"